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Drohende Abwärtsspirale: Akute Gefahren für deutsche Unternehmen

Laut Experten ist die Nachfrageschwäche, bedingt durch die globale Unsicherheit, das Hauptproblem für deutsche Firmen. Auch die Klima- und Fiskal-Politik mache es den Unternehmern schwer. Ein Experte schaut trotz der akuten Wirtschaftsschwäche zuversichtlicher in die Zukunft.
An erster Stelle auf der Gefahrenliste steht für Stefan Mütze, Konjunktur-Experte der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), die weltweite Investitionszurückhaltung, die die deutschen Industrieausrüster, wie den Maschinenbau oder die Elektroindustrie, ausbremse. Dann folgten für Mütze Protektionismus und Handelskonflikt, Chaos-Brexit, der Strukturwandel in der deutschen Automobilindustrie und der Fachkräftemangel.
Im Zentrum der Sorgen um die deutsche Industrie stehen für Uwe Burkert, Chefvolkswirt bei der LBBW, die Autobauer als die deutsche Schlüsselindustrie. "Durch die globale Nachfrageschwäche ist es insbesondere für die Zulieferer extrem schwierig, die notwendigen finanziellen Ressourcen zu erwirtschaften, um diese Anpassung nicht nur zu stemmen, sondern die technologische Führerschaft zu erhalten bzw. wiederzugewinnen", erklärte Burkert im Gespräch mit der wallstreet:online-Redaktion.
Der Ausblick für die angeschlagene deutsche Industrie fällt laut David Iusow, Marktanalyst bei IG Europe, düster aus: "Der Abschwung im deutschen Industriesektor könnte noch nicht vorbei sein. Denn dieser resultiert nicht nur indirekt aus dem Handelsstreit, sondern auch aus regulatorischen Gründen innerhalb des Automobilsektors, Stichwort CO2-Emmission". Noch stütze laut Iusow der Dienstleistungssektor die Wirtschaft. "Knickt auch dieser ein, worauf die Einkaufsmanagerindizes bereits hindeuten, könnte der gesamte Abschwung sich verstärken", prognostiziert der Analyst.
Bremsklotz Klimaziele
Der Dienstleistungssektor ist auch für Marco Wagner, Senior Economist bei der Commerzbank, das Zünglein an der Waage: "Die Frage ist, wie lange der Dienstleistungssektor der Schwäche der Industrie noch widerstehen kann, sollte sich die Weltwirtschaft nicht bald stabilisieren", so Wagner.
Die politischen Rahmenbedingungen sind für Christian von Engelbrechten, Fondsmanager bei Fidelity International, problematisch. Er weist auf den Reformstau in Deutschland hin. "Der könnte durch die zunehmende Zersplitterung der politischen Landschaft noch verstärkt werden, indem es schwieriger wird, im Bundestag und Bundesrat zu Beschlüssen zu kommen", sagte der Fondsmanager.
Die Klimaziele der Bundesregierung sind in den Augen von Mauricio Vargas, Senior Global Economist bei Union Investment, eine der größten Herausforderungen für deutsche Unternehmen. "Um die Vorgabe zu erfüllen, den CO2-Ausstoß bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 55 Prozent zu reduzieren, sind große Veränderungen notwendig, die in keinem Sektor ausreichend durchdacht sind. Die erfolgreiche Umsetzung der globalen Klimaziele erfordert nicht weniger als die Umstellung des Wirtschaftssystems", so Vargas.
Auf der Gefahrenliste von Russell Silberston, Portfoliomanager bei Investec AM, stehen vor allem Faktoren, die das Finanzsystem ins Wanken bringen könnten: Das seien der niedrige Kapitalisierungsgrad und die geringe Rentabilität des Bankensystems sowie die Gefährdung des Finanzsystems durch negative Renditen und nicht zuletzt die straffere Fiskalpolitik, die nur noch die Geldpolitik als einzig verfügbares Instrument übrig ließe, um die schwache Wirtschaft der Eurozone zu stimulieren, meinte Silberston.
Gegen den Strom
Oliver Holtemöller, Vize-Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH), blickt optimistischer in die Zukunft: "Für den weiteren Jahresverlauf ist daher mit einer Erholung zu rechnen, sofern sich die außenwirtschaftliche Lage nicht weiter verschärft. Die Exporte sind zwar gegenüber dem Vorjahr eingebrochen, sind zuletzt aber nur noch leicht zurückgegangen".
Autor: Christoph Morisse
