Interview

Game-Changer KI – Interview mit Dr. Vera Demary, Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

ideas: Frau Dr. Demary, Sie sind Leiterin des Themenclusters Digitalisierung und Klimawandel beim Institut der deutschen Wirtschaft. Können Sie uns einen kurzen Einblick in die Arbeit des Instituts und vor allem Ihres Clusters geben?
Dr. Vera Demary: Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ist ein privates Wirtschaftsforschungsinstitut, das auf wissenschaftlicher Grundlage Analysen und Stellungnahmen zu allen Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, des Bildungs- und Ausbildungssystems sowie des Arbeitsmarktes erarbeitet. Im Cluster Digitalisierung und Klimawandel beschäftigen wir uns mit dem Verhalten von Unternehmen auf sich ändernden Märkten, vor allem verursacht durch die grüne und die digitale Transformation. Dazu gehört auch die Analyse, wie neue Technologien wirken.

Gerade im Bereich der Digitalisierung gibt es mit der Künstlichen Intelligenz (KI) eine Technologie, auf der derzeit viele Hoffnungen liegen. Auch an der Börse sorgt die Erwartungshaltung an KI überall für neue Höchststände. Ist das aus Ihrer Sicht gerechtfertigt oder wird der Künstlichen Intelligenz zu viel zugetraut?
Künstliche Intelligenz ist ein Game-Changer – die Technologie wird alle Bereiche unseres Alltags wie auch der Unternehmen nachhaltig beeinflussen. Dabei entwickelt sich KI sehr dynamisch; allein in den vergangenen zwölf Monaten hat sich unglaublich viel getan. Und wir stehen erst am Anfang, denn es ist für uns heute noch nicht absehbar, was zukünftig mithilfe von KI noch alles möglich sein wird. Wir haben deshalb heute die Chance, aber auch die Verantwortung, die Entwicklung und den Einsatz von KI verantwortungsvoll voranzutreiben. KI kann vieles verbessern, aber es ist eben auch wichtig – nicht zuletzt aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten –, KI nur dort einzusetzen, wo sie tatsächlich Verbesserungen bewirken kann. Es ist wichtig, dass KI die Lösung für ein Problem darstellt und nicht eine Lösung, für die wir erst ein Problem schaffen müssen.

Welche konkreten Einsatzmöglichkeiten sehen Sie für KI – einmal in der näheren Zukunft, aber auch perspektivisch?
Künstliche Intelligenz wird bereits heute in vielen Unternehmen eingesetzt, zum Beispiel in der Produktion. Hier kann sie Effizienzen heben indem sie zum Beispiel durch die Analyse riesiger Datenmengen eine vorausschauende Wartung ermöglicht. Die KI erkennt, wann Maschinenteile defekt sein werden, noch bevor sie kaputt gehen, und kann so frühzeitig eingreifen und Standzeiten der Maschine verringern. Ein anderes Beispiel aus der Produktion ist die Erkennung von Ausschussteilen in der Lebensmittelproduktion: Die KI hat anhand großer Mengen an Fotos gelernt, wie ein intakter Keks auszusehen hat und kann danach in großer Geschwindigkeit Ausschuss aussortieren. Wir beginnen zudem gerade, Einsatzmöglichkeiten für KI auch im Büroalltag wahrzunehmen, Stichwort ChatGPT. Wir stehen hier erst am Anfang. Die Zukunft wird sein, vernetzte KI-Systeme in Unternehmen zu haben, die verschiedene Zwecke erfüllen, aber miteinander interagieren können, und so den Menschen umfassend die Arbeit erleichtern.

Das klingt vielversprechend. Aber wie sieht es mit den Schattenseiten aus? Viele erinnern sich vielleicht noch an das Foto vom Papst in Daunenjacke oder Angela Merkel und Barack Obama beim Eisessen – Fälschungen, die mit KI erstellt wurden. Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, die von sogenannten Deepfakes ausgeht?
Deepfakes sind eine wesentliche Herausforderung von KI. Dabei geht es nicht nur um künstlich erstellte Fotos. So hilft die KI zum Beispiel leider auch Hackern, besser zu werden, denn neben Bild- und Videoerstellung kann die KI heute auch sehr gut Text und Codes schreiben. Die EU wird in Kürze den AI Act, die europäische KI-Regulierung, finalisieren. Sie sieht vor, dass mit sogenannten generativen KI-Systemen erstellte Texte oder Bilder mit einem Wasserzeichen versehen werden. Das soll Menschen erleichtern, KI-generierte von menschlich generierten Inhalten zu unterscheiden. Es bleibt abzuwarten, ob das die Problematik der Deepfakes verringern kann, auch weil der AI Act keine Strafen bei Missachtung dieser Transparenzpflichten vorsieht.

Sehen Sie, dass die Politik die geeigneten gesetzlichen Rahmenbedingungen schafft? Wo steht Deutschland hier im internationalen Vergleich?
Der gerade genannte AI Act muss nun schnell umgesetzt werden. Er bildet die Basis für einen verantwortungsbewussten und menschenzentrierten Umgang mit KI in der Europäischen Union und ist auch für Deutschland die relevante KI-Regulierung. Der AI Act soll Rechtssicherheit für Unternehmen schaffen, die KI einsetzen, indem klar definiert wird, was unter welchen Umständen erlaubt ist und was nicht. So wird beispielsweise Emotionserkennung am Arbeitsplatz untersagt. Leider wird die Regulierung gerade für kleine und mittlere Unternehmen aber auch eine Herausforderung, weil noch unklar ist, wie KI konkret in die im AI Act definierten Risikogruppen einzusortieren ist. Da mit der Risikoeinstufung eines KI-Systems unterschiedliche Pflichten verbunden sind, ist dies ein wichtiger Aspekt, der von der EU-Kommission noch präzisiert werden sollte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Künstliche Intelligenz mehr und mehr Teil unseres Lebens werden wird. Haben Sie zum Abschluss noch eine Empfehlung für unsere Leser, die sich näher mit dem Thema beschäftigen möchten?
Es gibt sehr viele gute Quellen zum Thema – abhängig davon, welche Aspekte einen interessieren: die Technologie, die Anwendung, die Perspektiven von KI und so weiter. Weil das Thema so dynamisch ist, würde ich bei den meisten Aspekten empfehlen, auf qualitativ hochwertige Onlinequellen zu setzen statt auf Bücher. Letztere sind durch ihren längeren Erstellungsprozess oft nicht ganz so nah an der aktuellen Diskussion. Schauen Sie auch gerne auf www.iwkoeln.de, wir publizieren auch einiges zum Thema.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anja Schneider.